Inhaltsverzeichnis
- Strecke: 75,83 km / 1.831 hm
- Gehzeit: 19 Stunden 30 Minuten
- Teilnehmer: rund 200
- Schwierigkeit: Hoch – nicht wegen der Distanz, sondern wegen Nacht, Kälte und Schlafentzug
- Empfehlung: Ja – für trainierte Wanderer mit passender Ausrüstung
Einleitung
Zum vierten Mal stehe ich am Walter-Witzenmann-Haus der DAV Sektion Pforzheim. Es ist Samstag, kurz vor zwölf. Der Rucksack sitzt, die Bauchlampe ist griffbereit, der Trinkrucksack mit eineinhalb Litern Wasser gefüllt. Um mich herum knapp 200 Wanderer – manche zum ersten Mal dabei, andere kennt man aus den Vorjahren.
Die 24-Stunden-Wanderung „Rund um Pforzheim“ ist längst kein unbekanntes Terrain mehr für mich. Und doch weiß ich aus Erfahrung: Keine dieser Touren gleicht der anderen. Die Route ändert sich, das Wetter sowieso, und der eigene Körper spielt jedes Mal nach neün Regeln.
Diesmal standen 77 Kilometer auf dem Plan, knapp 1.700 Höhenmeter, sechs Pausenstationen – und wie sich zeigen sollte: eine der härtesten, aber auch schönsten Nächte, die ich je auf einer Wanderung erlebt habe.
Die Tour in Zahlen
Am Ende zeigte meine Garmin-Uhr, was in 24 Stunden wirklich paßiert war:
- Strecke: 75,83 Kilometer
- Höhenmeter: 1.831 im Anstieg, ähnlich viel bergab
- Gehzeit: 19 Stunden, 30 Minuten, 34 Sekunden
- Gesamtzeit: 24 Stunden, 11 Minuten
- Schritte: 111.480
- Durchschnittspace: 15:26 Minuten pro Kilometer
- Herzfreqünz: Ø 114 bpm, Spitzen bis 163 bpm
- Temperatur: im Schnitt 15,7°C, in der Nacht runter auf 5°C
Die Zahlen zeigen: Das war keine reine Konditionsleistung, sondern eine Daürbelastung über fast einen kompletten Tag. Pausenmanagement, Energiehaushalt und mentale Stabilität zählten genauso wie die Beine. Der ärobe Trainingseffekt von 3,4 („Basis“) bestätigt, was ich auch spürte: Die Belastung blieb kontrollierbar – aber sie war permanent präsent.
Rückblickend waren die über sieben Stunden Pausenzeit keine Verschwendung, sondern die entscheidende Ressource. Wer hier spart, kommt nicht an.
Die Tag-Etappe
Punkt zwölf Uhr setzt sich die Gruppe in Bewegung. Das Sektionszentrum verschwindet schnell im Rücken, vor uns liegen die ersten Waldwege Richtung Feldrennach. Die Stimmung am Start ist gelöst – man kennt das Prozedere. Und trotzdem ist diese eigentümliche Spannung da, die nur entsteht, wenn man weiss: Heute Nacht werdet ihr noch laufen.
Die ersten sechzehn Kilometer führen über ruhige Höhenwege, wellig, aber nicht fordernd. Gegen 16 Uhr erreichen wir den Biolandhof Reisser in Feldrennach. Die erste Pause ist Gold wert. Es gibt Kaffee, Kuchen und kalte Getränke. Ich halte es schlank: ein Kaffee, ein kurzer Check der Füße, weiter.
Die nächste Etappe nach Dobel zieht sich. Die Strecke wird anspruchsvoller, die ersten Höhenmeter sammeln sich spürbar in den Beinen. Aber die Landschaft entschädigt mit sattem Grün, klarer Luft und den typischen Schwarzwald-Ausblicken. Gegen 20 Uhr ist das Kurhaus Dobel in Sicht.
Hier wird klar, mit wie viel Herzblut die Versorgung organisiert ist. Der Schwäbische Albverein hat Maultaschen mit Kartoffelsalat vorbereitet. Dazu ein kühles Bier – für viele das Gute-Nacht-Bier, auch wenn der Tag für uns noch lange nicht zu Ende ist. Eine Stunde Pause, dann geht’s weiter. Der Himmel färbt sich langsam dunkel, und jeder weiss: Jetzt beginnt der Teil, der zählt.
Die Nacht-Etappe
Kurz vor zehn Uhr abends passiert, was alle befürchtet haben: Es fängt an zu regnen. Nicht tröpfelnd, sondern direkt mit Ansage. Innerhalb von Minuten verwandelt sich die Gruppe in ein einziges Gewusel: Regenjacken werden aus den Rucksäcken gerissen, Regenhüllen drübergezogen.
Dann der Klassiker: Kaum ist alles wetterfest verpackt, fällt einem nach dem anderen ein – die Taschenlampe war doch noch drin. Also alles wieder auf, Lampe raus, neu verpacken. Manche verzichten ganz und stolpern im Dunkeln über den zunehmend matschigen Waldboden. Ich selbst war gut vorbereitet und konnte in dieser Phase einige überholen.
Die Bedingungen wurden zusehends ungemütlich: tiefer Matsch, rutschige Wurzeln, Wasser auf dem Weg. Wer leichte Schuhe oder gar Turnschuhe trug, hatte ab hier ein echtes Problem. Mit wasserdichten HOKA-Wanderschuhen blieb ich trocken – einer der Faktoren, die in dieser Nacht über Wohl und Wehe entschieden.
Gegen Mitternacht erreichten wir Bad Wildbad, Kilometer 44. Die Feürwehr hatte ihr Haus ausgeräumt, Tische aufgebaut, Heizung an. Die Kartoffelsuppe mit Würstchen war einer der besten Momente der gesamten Tour. Eine Stunde in der Wärme sitzen, durchatmen, Kräfte sammeln. Großes Lob an die Feürwehr Bad Wildbad – solche Menschen machen diese Veranstaltung erst möglich.
Dann wieder raus in die Nacht. 5°C, immer wieder Stopps an Kreuzungen, die das DAV-Team mit Sicherheitsposten abgesperrt hatte. Wer stand, mußte sich dick einpacken – Mütze und Handschuhe waren jetzt Pflicht. In Bewegung hielt ich es ohne lange Unterhose aus, aber bei jedem Halt kroch die Kälte sofort in die Knochen.
Die zweite Nachthälfte war die härteste Phase: körperlich wie mental. Der Körper will schlafen, die Beine werden schwer. Dazu kam eine ganz eigene Herausforderung: das Gehirn fängt an, verrücktzuspielen. Man sieht nicht mehr scharf, nimmt im Augenwinkel Bewegungen wahr, die nicht da sind. In diesem Zustand wird jeder Schritt zur Konzentrationsaufgabe. Ein unachtsamer Moment, ein falscher Tritt – und die Tour ist vorbei. In diesen Stunden wird eine 24-Stunden-Wanderung nicht mit den Füßen entschieden, sondern im Kopf.
Morgen und Ziel
Kurz vor halb sechs taucht die Mehrzweckhalle Engelsbrand aus der Dunkelheit auf. Kilometer 58. Das Frühstück – für mich der emotionale Wendepunkt.
Die Fraün vom Turnverein Engelsbrand hatten aufgefahren, was man sich nach einer durchwanderten Nacht nur wünschen kann: belegte Brötchen mit Käse und Wurst, geschnittenes Obst und Gemüse, Joghurt mit Müsli, gekochte Eier. Dazu die unvermeidliche Aufforderung: „Nehmt doch noch was mit!“ Aber von sechs Uhr morgens bis zum Ziel um zwölf ist es noch ein langer Weg – da schleppt man nichts mit, was man nicht wirklich braucht.

Auf dem Weg Richtung Gräfenhausen dann der Sonnenaufgang über dem Nordschwarzwald. Nach Stunden im Schein der Stirnlampen, nach Kälte und Regen kommt das Licht zurück. Ein stiller Moment, ganz für sich allein – und doch mittendrin.
In Gräfenhausen, Kilometer 68, wartet der letzte Halt: Müller’s EventAlm. Noch ein Kaffee, nochmal Füße sortieren. Nur noch neun Kilometer. Die Erschöpfung weicht einer neün Leichtigkeit, die Gesichter werden heller, die Schritte schneller.
Die letzten Kilometer ziehen sich nochmal – flacher jetzt, aber die Beine sind durch. Die Pace bleibt stabil. Das Ziel, der SV Kickers Pforzheim, taucht am Horizont auf. Letzte Kurve, letzter Anstieg, und dann: Zielbogen. Applaus. Geschafft.
Die Menschen
Eine 24-Stunden-Wanderung mißt sich nicht nur in Kilometern. Was wirklich hängenbleibt, sind die Begegnungen.
Schon beim ersten Kaffee in Feldrennach fiel mir die Familie auf, die ein riesiges handgemaltes Plakat hochhielt: „Opa, du bist unser Champion.“ Drei Enkelkinder, die ihren Grossvater verabschiedeten – und der Mann mittendrin, sichtlich gerührt. Ein Bild, das man nicht vergisst.
Am frühen Morgen, irgendwo zwischen Bad Wildbad und Engelsbrand, lief er dann neben mir. Er pustete, keuchte, die Nacht hatte ihn gezeichnet. Man sah ihm an, dass jeder Schritt ein Kampf war. Ich lief ein Stück neben ihm her und sagte: „Denk einfach an das Plakat deiner Enkel. Das gibt nochmal Kraft.“ Er nickte, lächelte müde – und zog weiter.
Am Ziel sah ich ihn wieder. Er war angekommen. Überglücklich, und ich bin sicher: auch stolz auf seine Enkel. Und auf sich selbst.
Solche Geschichten paßieren ständig auf dieser Tour. Man läuft neben Menschen, die man nicht kennt, und ist nach zehn Minuten im Gespräch, als würde man sich seit Jahren treffen. Über die vier Teilnahmen hinweg erkennt man Gesichter, tauscht ein Nicken, ein „Du auch wieder hier?“ – eine stille Gemeinschaft, die nur entsteht, wenn man gemeinsam durch die Nacht gegangen ist.
Es sind nicht die schnellsten Läufer oder die härtesten Bergziegen, an die ich mich erinnere. Es sind die Leute, die um vier Uhr morgens weitermachen, obwohl alles in ihnen schreit aufzuhören. Die 24-Stunden-Wanderung ist ein Kollektiv aus genau solchen Momenten.
Meine Ausrüstung
Nach vier Teilnahmen hat sich meine Ausrüstung auf das Wesentliche verdichtet. Hier mein Setup – und ehrliche Einschätzungen.
Licht: Statt klassischer Stirnlampe nutze ich eine LED-Lenser, die ich mir um den Bauch schnallen kann. Der große Vorteil: Wenn man jemandem ins Gesicht schaut, blendet man ihn nicht. Bei 200 Leuten auf schmalen Waldwegen ein unterschätzter Faktor.
Schuhe: HOKA-Wanderschuhe, wasserdicht. Das wichtigste Teil der gesamten Ausrüstung. Tiefer Matsch, Pfützen, aufgeweichte Waldböden – wer hier mit leichten Schuhen oder Turnschuhen unterwegs war, hatte verloren. Meine Füße blieben trocken, keine Blasen, keine Probleme.
Regenschutz: Ein Cape. Ehrlich gesagt: zwiespältig. Der Vorteil: Beim Starkregen war ich trocken. Der Nachteil: Man schwitzt darunter wie in einer Sauna. Für nächstes Mal überlege ich eine Alternative.
Bekleidung: Dicke Jacke, Handschuhe, Mütze – alles im Einsatz in der Nacht. Auf eine lange Unterhose habe ich verzichtet, bei 5°C in Bewegung war das okay. Sobald man aber steht, wird’s sofort kritisch. Warmhalten an den Pausenstationen und Kreuzungen war entscheidend.
Trinkrucksack: 1,5 Liter Wasser, am Ende leer. Mehr braucht es nicht, denn an jeder Station gab es Wasser, Apfelsaftschorle, Johannisbeerschorle und mehr. Die Verpflegung durch das DAV-Team war lückenlos.
Was ich nicht gebraucht habe: Wanderstöcke. Für diese Strecke mit ihren vielen flachen und welligen Abschnitten war ich ohne besser unterwegs.
Die Organisation
Was man als Teilnehmer kaum mitbekommt, ist der Aufwand, der in dieser Veranstaltung steckt. Dem DAV Sektion Pforzheim gebührt der grösste Dank dieses Artikels.
Nur ein paar Einblicke, die ich am Rande aufgeschnappt habe: Die Planung beginnt im Oktober des Vorjahres. Die Route wird abgelaufen, angepasst, wieder abgelaufen. Forstämter in Stuttgart, Calw und im Enzkreis müssen zustimmen – mit jeder Rückmeldung kommen neue Änderungen. Was am Ende wie ein organisch gewachsener Rundweg aussieht, ist das Ergebnis monatelanger Arbeit.
Der sichtbarste Teil: Die Straßenqürungen. Jede einzelne war mit mindestens fünf Sicherheitsleuten besetzt, Tag und Nacht. Sie haben den Verkehr angehalten, damit 200 Wanderer sicher über die Straße konnten. Um Mitternacht, um drei Uhr morgens, um sechs Uhr früh – immer war jemand da.
Dazu die Begleitfahrzeuge mit Getränken und Snacks, der Packsack-Service für Wechselkleidung an den Hauptstationen, die Wanderführer in ihren roten Team-Shirts an Spitze und Schluss der Gruppe – und über allem die ruhige Gewissheit: Wenn etwas passiert, ist Hilfe da.
Die 24-Stunden-Wanderung ist eine sportliche Herausforderung. Aber vor allem ist sie ein logistisches Meisterwerk, getragen von Ehrenamtlichen, Vereinen und Helfern, die ein ganzes Wochenende opfern, damit andere an ihre Grenzen gehen können. Danke an das gesamte Orga-Team.
Fazit
Meine vierte 24-Stunden-Wanderung mit dem DAV Pforzheim war die härteste bisher. Nicht wegen der Strecke – 75 Kilometer mit 1.800 Höhenmetern sind machbar, wenn man trainiert ist. Sondern wegen der Kombination aus Regen, Kälte und Schlafentzug, die vor allem zwischen zwei und fünf Uhr morgens gnadenlos zuschlägt.
In diesen Stunden habe ich mir geschworen: Das war’s. Nie wieder. Ich hab doch längst bewiesen, dass ich 100 Kilometer in 21 Stunden laufen kann. Wozu also das Ganze?
Heute, zwei Tage später, sieht die Sache anders aus. Der Muskelkater ist abgeklungen, die Erinnerung an die Kälte verblasst, geblieben ist das Hochgefühl, es wieder geschafft zu haben. Reserviert mir schon mal den Platz für nächstes Jahr – ich komme gerne wieder.
Für alle, die überlegen mitzumachen, ein paar ehrliche Tipps: Trainiert vorher Strecken von mindestens 40 Kilometern. Investiert in wasserdichte Schuhe – nicht verhandelbar. Nehmt eine Lampe, die andere nicht blendet. Und macht euch auf die mentale Krise mitten in der Nacht gefasst. Das ist normal. Das geht vorbei.
Hier noch die GPX-Datei zum Download oder hier auf OutdoorActive
