Seit über zwei Jahren gehört meine tägliche Laufrunde zu meinem festen Tagesablauf. Die Strecke kenne ich inzwischen gut: die vertrauten Kurven, die wechselnden Gerüche, die Menschen, die mir entgegenkommen. Trotzdem ist keine Runde ganz gleich.
Für mich gibt es dabei einen kleinen Kodex: Ich grüße jeden Menschen auf der Strecke. Spaziergänger, Passanten und natürlich auch die Menschen mit ihren Hunden bekommen ein kurzes „Hallo“ oder ein Nicken. Nicht, weil ich mir davon etwas verspreche. Es gehört für mich einfach dazu – und macht die Runde angenehmer.
Manche von ihnen kenne ich inzwischen gut, weil wir uns fast täglich begegnen. Auch die, die mir nie einen guten Tag zurücksagen, bekommen von mir trotzdem jeden Tag ein „Hallo“. Das ist für mich keine Frage der Erwartung, sondern der Haltung.
Auf dieser Strecke gibt es ein paar Engstellen, an denen man zwangsläufig aufeinandertrifft. Vor mir lief ein älterer Herr mit seinem sehr alten Hund. Der Hund war wackelig auf den Beinen, und jeder Schritt schien ihn Anstrengung zu kosten.
Ich wurde langsamer und wartete, bis der Weg wieder etwas breiter wurde. Dann beschleunigte ich ein wenig, um ihn nicht zu bedrängen, zog zügig vorbei und grüßte mit einem freundlichen „Hallo“.
Ich lief weiter, da hörte ich von hinten ein leises „Danke“. Irritiert drehte ich mich um. „Wofür bedankst du dich?“
Der Herr antwortete: „Dass du mich gegrüßt hast.“ Er streckte mir die Hand entgegen, wir schüttelten sie. Ich sagte: „Das ist für mich doch eine Selbstverständlichkeit.“ „Nein“, sagte er, „das ist nicht mehr selbstverständlich. Das ist eigentlich sehr selten geworden.“
Der Satz des Herrn blieb mir noch eine Weile im Kopf: „Das ist nicht mehr selbstverständlich.“ Für mich war es eine kleine Gewohnheit, kurz innezuhalten und freundlich zu sein. Für ihn aber war daraus ein besonderer Moment geworden.
Da habe ich gemerkt, dass eine kleine Geste manchmal viel weiter reicht, als man selbst denkt. Und die Freude, die ich ihm damit gemacht hatte, kam auch bei mir an. In diesem Moment spürte ich, dass mein eigener Kodex nicht nur anderen etwas gibt – sondern mir selbst auch.
Freundlichkeit muss dabei gar nichts Großes sein. Manchmal reicht ein Gruß, ein kurzer Blick, ein kleines Zeichen: Ich sehe dich. Solche Gesten kosten kaum etwas und können doch den Tag eines anderen heller machen – und den eigenen gleich mit.
Vielleicht probierst du es heute aus: Grüß bewusst eine Person, die du sonst vielleicht übersiehst.
